Acker in Mecklenburg-Vorpommern – Lebensraum oder Produktionsoberfläche?

Ein Beitrag von Peter Markgraf

 
Mit der landwirtschaftlichen Intensivierung der letzten 50 Jahre sind Grünland und
Acker immer weniger das, was sie seit Menschengedenken waren, nämlich Wiesen
und Felder. Die Kulturlandschaft blieb als grobe Kulisse erhalten, die
konstituierenden Stoffkreisläufe sind jedoch unterbrochen und durch permanente
Energiezufuhr von außen ersetzt (vgl. u. a. Dierßen 1996, Reichholf 2008). Dies führt zur
Aufhebung der traditionellen Lebensgemeinschaften und zu enormen
Emissionen aus der Agrarlandschaft – für jedermann erkennbar z. B. an
Artenschwund, Gewässerbelastung und Waldzustand.
 

1. Landnutzungswandel: Artenschwund in der Agrarlandschaft

Mit Überwindung des allgemeinen Nährstoffmangels durch Einsatz von Kunstdünger und Zwischenfrüchten veränderte sich seit Ende des 19. Jahrhunderts das Mikroklima auf nordmitteleuropäischen Äckern; die Krume wurde schattiger und damit auch feuchter und kühler (Reichholf 2008). Der Rückgang vieler wärmeliebender Ackerwildkräuter setzte also bereits vor Aufkommen von Herbiziden ein. In die verbesserte Fruchtfolge wurden verstärkt Hackkulturen einbezogen (Kartoffeln, Rüben, Runkeln, Mais; vgl. u. a. Körber-GROHNE 1987), welche eine Vielzahl von einjährigen Kräutern begünstigten, so dass die Artenzahl insgesamt zunächst anstieg. Gleichzeitig schwanden neben den thermophilen Sippen jedoch auch die mehrjährigen und bracheliebenden, da die Wechselbrachen als letzte Elemente der Dreifelderwirtschaft um 1900 endgültig wegfielen.

Ab 1920 wurde die Anwendung von Kalkstickstoff (Cyanamid) und Kalirohsalz (Kainit) als Dünger mit herbizider Wirkung gebräuchlich, der breite Einsatz speziellerer Biozide erfolgte in Nordostdeutschland erst nach 1960. Seit den 1930er Jahren und nach dem Krieg ab 1955 verwendete man zunehmend gehandeltes Saatgut, das industriell gereinigt war; auch bei hofeigenem Nachbau kamen ab 1920 immer mehr Wind- und Siebreinigungsanlagen zum Einsatz (oft in Dienstleistung). Je nach Aufbereitungsstufe wurden zunächst alle dem Saatkorn unähnlichen Diasporen entfernt (Größe, Gewicht), mit verbesserten Verfahren dann auch kornähnliche wie Kornrade (Agrostemma githago), Roggen-Trespe (Bromus secalinus) und Knollen-Platterbse (Lathyrus tuberosus) (vgl. Bonn & Poschlod 1998).

Mit Auflösung der kleinbäuerlichen Wirtschaftsweise im Zuge der Kollektivierung setzten ab 1960 dramatische Veränderungen des Ackerbaus ein: Die Feldflur wurde zugunsten großer Schläge ausgeräumt. Der Boden sollte immer unabhängiger von seiner natürlichen Fruchtbarkeit als Produktionsoberfläche benutzt werden. Viele der heute gefährdeten Ackerwildkräuter verloren in zwei Jahrzehnten bis 1980 mehr als 90 % ihrer Standorte durch

- endgültige Trennung von Acker und Grünland (Ende der Stoppelbeweidung),

- tiefe Bodenbearbeitung mit immer stärkeren Maschinen,

- flächendeckende Hydromelioration (Beseitigung von Kleinmooren und Feuchtstellen),

- flächendeckenden Mähdrusch (Ende der Feldtrocknung in Garben),

- Wegfall kleinräumiger Nutzungen,

- Wegfall von Sonderkulturen (vor allem Lein),

- Ende des permanenten Roggenanbaus auf armen Standorten,

- starke Chemisierung bei Düngung und „Pflanzenschutz“ (Ertragssteigerung durch höheren Input); (vgl. insbes. Voigtländer 1970, Kausmann et al. 1975-1978, Hilbig 1987 und Voigtländer et al. 2001).

Im Zeitalter der industriellen Landwirtschaft wurde die Kunstdüngung zu einer Hauptquelle der Landschaftseutrophierung: Überschüssige Nährstoffe gelangen - ebenso wie Pestizide - permanent über Oberflächen- und Grundwasser in alle tiefliegenden Ökosysteme. Auch die ehemals für Ackerwildkräuter so wichtigen Feldraine, Säume und Wegränder sind größtenteils überdüngt und werden von nitrophilen sowie heribizidfesten Allerweltspflanzen beherrscht (z. B. Große Brennnessel Urtica dioica, Taube Trespe Bromus sterilis, „Melde“ = Weißer Gänsefuß Chenopodium album, Klett-Labkraut Galium aparine, Zwerg-Storchschnabel Geranium pusillum). Neben diesem allgemeinen Mangel an lichten, warmen, spritzfreien Standorten erschweren zunehmend auch neue Fruchtfolgen und Anbauverfahren die Existenz traditioneller Wildkräuter.

Nach 1990 waren zunächst gegensätzliche Entwicklungen zu verzeichnen: Gezielte Brachen auf ertragsarmen Standorten und Extensivierung für den ökologischen Landbau führten zur Stabilisierung der Ackerwildkräuter auf peripheren Flächen (2003 ca. 7 % des Ackers in M-V), während die Gunststandorte weiter intensiviert wurden. Kennzeichnend für den neuen Technologieschub sind

- Einsatz hochwirksamer Herbizide,

- starker Rückgang der Festmistwirtschaft zugunsten von Gülle und Mineraldünger,

- Zunahme pflugloser Bestelltechniken (mit hohem Herbizideinsatz),

- schneller Stoppelsturz nach Ernte, weitere Vorverlegung der Bestelltermine,

- weitgehender Wegfall des Kartoffelanbaus, Verringerung des Rübenanbaus, Verengung der Fruchtfolge auf Wintergetreide und Raps,

- Zunahme des Maisanbaus (Fütterung der Hochleistungsrinder vom Acker).

Nach Wegfall der Stilllegungspflicht 2005 befindet sich gegenwärtig nur 1 % des Ackers in Brache (Abmulchen ohne Nutzung), weitere 3,5 % werden in M-V ökologisch bewirtschaftet - d. h. nur auf 4,5 % (48.500 ha) der Felder könnte Artenvielfalt überhaupt gehalten werden; Tendenz abnehmend, da die letzten Stilllegungen umgebrochen werden und der ökologische Feldbau auf dem Rückzug ist (nicht konkurrenzfähig am Flächenmarkt).

Der Maisanbau zur Versorgung von Biogasanlagen hat sprunghaft zugenommen auf 155.400 ha in 2011 (= 14,5 % Ackerfläche M-V), etwa die Hälfte davon wird mehrjährig auf gleicher Fläche bestellt (Dauermais). Weitere 3,5 % des Ackers sind mit Feldgras zur Grünernte angesät, etwas mehr als alle Hackfrüchte zusammen. Aktuell entfallen 52,5 % des Anbaus auf Getreide (inkl. Körnermais), dabei weniger als 6 % auf Roggen (63.800 ha); Raps nimmt mit 212.100 ha fast 20 % aller Flächen ein. Zunehmend wird Wintergetreide als Grünmasse genutzt, um die steigenden Biogaskapazitäten zu versorgen; insgesamt wurden 2011 ca. 19 % des Ackers in M-V grün beerntet (Mais, Gras und Getreide als Feldfutter + Energiepflanzen; alle Zahlen Statistisches Amt Mecklenburg-Vorpommern 2011/12).
 

2. Abhängigkeit der Landnutzung von Agrarpolitik

Der landwirtschaftliche Intensivierungsschub seit 2005 basiert auf Durchsetzung neoliberaler Interessen in der deutschen und europäischen Agrarpolitik. Da global mehr biogene Rohstoffe nachgefragt wurden, entfernte man die Produktionsbremse der Flächenstilllegung und verschwieg dabei, dass diese sich längst zu einem wirkungsvolleren ökologischen Instrument entwickelt hatte als die meisten teuren Agrarumweltprogramme der sog. Zweiten Säule der Agrarförderung.
 
Deutschland gab über das Erneuerbare Energien–Gesetz zusätzliche Anreize zur Verstromung von Ackerprodukten, obwohl damals wie heute Biogasanlagen mehr CO2 ausstoßen als einsparen. Der künstlich forcierte Maisanbau führte seitdem zum Umbruch von > 5 % des Grünlandes – ein ökologisches Fiasko. Noch schlechter sieht die Klimabilanz von Biokraftstoffen aus, ob aus Rapsöl oder Stärkepflanzen; trotzdem besteht in der EU eine allgemeine Beimischungspflicht, welche die Agrarmärkte befeuert und auch über Europa hinaus zu ökologischen und sozialen Verwerfungen in der Landnutzung führt.
 

Die konkrete Flächennutzung ist also in unserer Zeit sehr stark abhängig von agrarpolitischen Rahmensetzungen. Tatsächlich gibt es in Deutschland und M-V schon seit den 1930er Jahren direkte Korrelationen zwischen staatlichen Vorgaben und den angebauten Kulturen, sei es durch Anordnungen oder Förderprämien. Legendär sind die westdeutschen Milch- und Butterberge einschließlich makabrer Lebensmittel-Vernichtungsaktionen. In den 1960er und 1970er Jahren wurden Obstpflanzungen gefordert und gefördert, ab Ende der 1980er gab es dann Rodungsprämien für deren Beseitigung. Die Redewendung „Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln“ stammt gar aus dem 18. Jahrhundert, als die Preussenkönige ihre Untertanen zum Anbau der Knollen verpflichten wollten, um Hungersnöten vorzubeugen. Interessanterweise sind die Anreize oder Zwänge meist größer als der gesunde Menschenverstand; so wurden von 1993 bis 2004 nur bestimmte Ackerkulturen mit EU-Flächenprämien gefördert, darunter keine Futterleguminosen, was zur völligen Aufgabe der Leguminosen in konventionellen Fruchtfolgen führte und die bis heute dominierende Verengung auf Weizen, Gerste, Raps oder Mais, Mais, Roggen etablierte.

 

Die Biodiversität unserer agrarisch geprägten Kulturlandschaft hängt also maßgeblich von landwirtschaftlicher Politik ab und fällt ihr zunehmend zum Opfer. Seit 2005 ist erneut ein deutlicher, flächendeckender Abwärtstrend bei allen Organismengruppen zu verzeichnen – ausgelöst durch milliardenschwere öffentliche Förderprogramme und entgegen allen politischen Absichtserklärungen.

 

Die Regelungen der ab 2015 greifenden neuen EU-Förderperiode sind nicht geeignet, den Artenschwund auch nur ansatzweise zu stoppen, da viele sog. „Greening“-Instrumente nur den bisherigen Status quo der konventionell-intensiven Landnutzung aufrechterhalten. Dies bedeutet in Deutschland, dass auf jeden Hektar konventionellen Acker auch weiterhin jährlich 320 kg Mineraldünger, 123 kg organischer Stickstoff und 5,7 kg Reinpestizide fallen; eine künstlich ernährte Produktionsoberfläche ohne Fauna und Flora.

(Datenquelle: Statistisches Bundesamt 2013)

 

3. Inventar an Lebensräumen und Arten

Um die Entwicklung von Artenvielfalt in einer Landschaft zu dokumentieren, benötigt man lange Beobachtungszeiträume mit möglichst vielen, regelmäßig erhobenen Parametern. Es war Dr. Ulrich Voigtländer (2009), der für 4 repräsentative Ackerlandschaften in Mecklenburg und Vorpommern über Jahrzehnte alle erdenklichen Daten zu Biotopstruktur, Anbau und Arten sammelte, ab 2000 gemeinsam mit dem Autor und von diesem weitergeführt.

Tabelle 1 gibt eine Übersicht der wesentlichen Ergebnisse in Schritten von der kleinparzellierten Nachkriegswirtschaft (1951) über die kollektivierte Feldflur (1975) bis zur annähernd gegenwärtigen Situation. Gravierend sind sowohl die Erholungsphase nach der Wende (2000) als auch die aktuelle Intensivierung (2011), welche in ihrer schonungslosen Wirkung auf Lebensräume und Arten noch über die sozialistische Industrialisierung hinausgeht.

 

Tabelle 1: 100 ha Ackerlandschaft beherbergen in Mecklenburg-Vorpommern...

(Durchschnitt aus 4 Aufnahmeflächen mit insgesamt 481 ha, erfasst jeweils im Juni) 

 

1951

1975

2000

2011

Offengewässer (ha)

2,65

1,15

0,90

1,10

Wege, Fahrspuren (ha)

2,35

1,20

1,05

1,15

Gras- u. Krautsäume (ha)

2,10

0,65

0,75

0,70

Hecken, Einzelgehölze (ha)

1,95

0,95

1,30

1,25

Wald (ha)

1,90

2,25

2,60

2,70

Splittergrünland (ha)

6,80

2,75

2,10

0,90

Kulturbrachen (ha)

3,80

0,60

5,50

0,95

bestellter Acker (ha)

78,45

90,45

85,80

91,25

Ackerschläge (n)

19

3

6

4

Ackerkulturen (n)

9

3

4

3

Brutvogelarten (n, ohne Wald)

43

28

37

27

Brutvogelpaare (n, ohne Wald)

(260)

74

119

61

Wildbienenarten (n)

(85)

21

38

17

oberirdische Insektenmasse

(kg/ha Acker/ an einem Tag)

(125)

35

57

28

Pflanzenarten (n bestellter Acker)

221

117

98

79

Seit 1992 werden in 2 der 4 Landschaftsausschnitte kleinere Flächenanteile ökologisch bewirtschaftet, deren Ergebnisse in die Durchschnittswerte eingeflossen sind.

Um einen Vergleich des aktuellen Inventars zwischen konventionell und biologisch genutzten Äckern zu bekommen, wurden weitere Öko-Parzellen hinzugenommen (insgesamt 331 ha konventionell und 246 ha ökologisch) und nur die bestellten Kulturflächen betrachtet.

Die Resultate fallen sehr deutlich aus und rechtfertigen die oben (vgl. 1.) getroffene Aussage, dass Artenvielfalt in Nordostdeutschland nur noch verinselt auf Stilllegungen und Bio-Flächen vorkommt.

Hinsichtlich Biodiversität und als Lebensraum gefährdeten Arten steht der ökologische Landbau sogar fast auf der Höhe historischer Kulturlandschaften, was sicher dem Ansatz entspringt, die natürliche Bodenfruchtbarkeit durch weitgehende Kreislaufwirtschaft zu fördern (analog der verbesserten Dreifelderwirtschaft).

 

Ist Öko wirklich besser?

Tabelle 2: Vergleich 100 ha ökologischer – konventioneller Acker im Durchschnitt von je 4 Betrieben in M-V

(Mittelwerte aus doppelter Erfassung Juni 2010 und 2011)

 

konventionell

ökologisch

Ackerschläge (Anzahl)

4

7,5

Ackerkulturen (Anzahl)

3

6

Brutvogelarten (Anzahl auf 100 ha)

6

17

Brutvogelpaare (Anzahl auf 100 ha)

23

67

Wildbienenarten (Anzahl auf 100 ha)

8

24

Pflanzenarten (Anzahl auf 100 ha bestellt)

79

162

oberirdische Insektenmasse

(kg/ha Acker/ an einem Tag)

17

105

Die vielbeschworene Bewahrung der Artenvielfalt findet im ökologischen Landbau tatsächlich statt, ohne dass die Öffentlichkeit bisher davon Kenntnis genommen hat. Ohne extensiv genutzte Flächen wäre eine Vielzahl wildlebender Sippen in unserem Bundesland ausgestorben.

Insofern ist der Ansatz, bei der Förderung des Biolandbaus allein den Minderertrag gegenüber einer konventionellen Nutzung heranzuziehen, völlig unzureichend.

 

4. Was ist zu tun?

Unter unseren humiden, gemäßigten Klimaverhältnissen auf den vorherrschenden Lockergesteinsböden lassen sich Schäden wie Artenschwund, unterbrochene Stoffkreisläufe und Gewässerbelastung mit einfachen Maßnahmen heilen: Die Zufuhr von außen und die Austräge nach außen sind zu drosseln, den Ökosystemen muss Gelegenheit zur Selbstregeneration gegeben werden. Wenn die Schlagworte „nachhaltige Landnutzung“ und „natürliche Bodenfruchtbarkeit“ mit Inhalten gefüllt werden sollen, heißt das konkret:

- weitgehende Minimierung von Kunstdüngung und Pestizideinsatz,

- Revitalisierung der Nährstoffsenken (Abkoppeln von künstlicher Binnenentwässerung, genutztes Extensivgrünland um Gewässer),

- Renaissance von Festmistwirtschaft und Weidetierhaltung,

- Humusakkumulation auf Acker durch Brachen und temporäre Grünlandnutzung,

- Gliederung erosionsgefährdeter Großflächen durch Teilschläge mit Hecken und Rainen.

 

Ein Gedicht von Julius Sturm (1816 – 1896) ist heute aktueller denn je, da wir am Scheideweg zwischen Agrarkultur und Biomasseproduktion stehen:

 

Der Bauer und sein Kind

 

Der Bauer steht vor seinem Feld

und zieht die Stirne kraus in Falten:

„Ich hab den Acker wohl bestellt,

auf reine Aussaat streng gehalten.

Nun seh´ mir Eins das Unkraut an;

Das hat der böse Feind getan!“

 

 

Da kommt sein Knabe hochbeglückt,

mit bunten Blumen reich beladen;

im Felde hat er sie gepflückt,

Kornblumen sind es, Mohn und Raden.

Er jauchzt: „Sieh, Vater, nur die Pracht,

die hat der liebe Gott gemacht!“

 

 

Unkrautfeld Kind klein