Von der Natur- zur Kulturlandschaft

Von der Eiszeit zur Wildnis

„Die Erde war wüst und leer.“ Nach diesem Luther-Zitat aus der biblischen Schöpfungsgeschichte stellten wir uns die Landschaft bei Abschmelzen der bis zwei Kilometer mächtigen Gletscher von 15.000 – 11.000 Jahren vor. Wüst weil ohne Vegetation, leer weil ohne Tier und Mensch – frei der Erosion durch Schmelzwasser und Wetter ausgesetzt. Aber wenn wir uns die immer größeren Rückzugsgebiete heutiger Gletscher in Europa, Innerasien, Nord- und Südamerika anschauen, finden wir erstaunlich lebendige Landschaften vor: Nur die Geröllhalden im Schmelzwasserstrom der Gletscherzungen sind unbesiedelt, überall sonst erobern Flechten, Moose, schüttere Gräser und Kräuter in den von Hochdrucklagen geprägten Sommern die frisch abgelagerten Böden. Schneegänse und Strandläufer finden auf steinigen Sandböden zwischen Schmelzwasserlagunen beste Brutbedingungen, solange der Bewuchs nicht zu dicht wird und Nesträubern Deckung gibt. Auf den schon länger vom Eis freigegebenen Arealen bilden sich polare Tundren mit Zwergsträuchern, die Vorläufer der späteren borealen Birken-Nadelwälder. Dem jungen Bewuchs folgen Rentier, Mammut und Moschusochse, die ihre Wanderrouten immer weiter nördlich verlegen, und mit ihnen zieht auch der jagende Mensch in Sichtweite der Gletscher. Es sind Vorfahren derjenigen unter uns, welche die Blutgruppe 0 tragen, die Bevölkerung Europas in der Altsteinzeit, die später von Zuwanderern verdrängt oder assimiliert wurde und sich nur in Reliktpopulationen der Samen, Lappen, Basken und Kaledonier erhalten hat.

Winter und Klimarückschläge drängten das Leben immer wieder nach Süden zurück, aber in der Tendenz, über Jahrzehnte und Jahrhunderte, vergrößerten sich die eisfreien Flächen nach Norden und in die Gebirge.

Und zu eben dieser Zeit gaben einige Menschen im Nahen Osten die Wanderung zwischen verschiedenen Jagdlagern auf, vergoren Pflanzen zu Nahrung und benutzten Lehm zur Befestigung ihrer Hütten – zunächst kleine Veränderungen, die jedoch bald unsere europäischen Landschaften prägen und später das Antlitz der ganzen Welt verändern sollten.

Aber zunächst wurde es bei uns erst trocken und dann feucht: In den Tundrenzeiten bis vor 10.000 Jahren war Ostdeutschland weit vom Meer entfernt, weil noch so viel Wasser in den globalen Gletschern gebunden war, dass der Atlantikpegel mehr als 50 m tiefer lag als heute. Ein Klimarückschlag (Dryaszeit) brachte jahrhundertelang trockenkalte Kontinentalluft zu uns. Eisige Winde verwitterten die jungen Böden; am Rand der Sander wehten mächtige Binnendünen auf, in Becken und auf Ebenen lagerte sich Schluff ab. Auf diesen fruchtbaren, aber trockenen Flächen wuchsen Schwingel- und Federgräser und bildeten ausgedehnte Steppen, die sich durch Beweidung großer Huftierherden wohl über 1.500 Jahre waldfrei hielten, trotz des inzwischen einsetzenden wärmeren und feuchteren Klimas. Schließlich gewann aber auch hier der Wald, und seit der Hauptwärmzeit (Atlantikum) vor 7.500 Jahren gab es natürliches Offenland nur noch an den Küsten und den Moorgürteln der Gewässer.

Die Menschen der mittleren Steinzeit passten sich den lichtarmen Verhältnissen europäischer Wälder durch Pigmentverlust an, sie wurden teilweise hellhäutig und -haarig. Auch die Jagd als Hauptnahrungsquelle änderte sich: Nicht mehr jahreszeitliche Wanderungen mit den Herden der Tundra gaben den Siedlungsrhythmus vor, sondern die Reproduktion von Auerochse, Wisent, Elch und Wildschwein eines Waldreviers. Der Fischreichtum in Seen, Flüssen und Küstengewässern förderte die Anlage fester Siedlungsplätze mit entfernten Jagdlagern. Weitergezogen wurde in größeren Abständen, wenn das Areal überjagt war, wenn die Beutetiere abwanderten, nach Waldbränden oder Überschwemmungen. Diese nördliche Wildnis war von Jägern recht dünn besiedelt; eine Sippe von 30 bis 60 Personen benötigte doppelt so viele Quadratkilometer, d. h. die Waldlandschaft im heutigen Mecklenburg-Vorpommern ernährte etwa 10.000 Menschen.

Von der Wildnis zur Kulturlandschaft

Neue Menschen brachten ein neues Zeitalter mit sich. Ackerbauern und Viehzüchter mit der Blutgruppe B breiteten sich, von Südosten kommend, vor 6.000 – 5.000 Jahren im Gebiet südlich der Ostsee aus. Deren Methoden der Nahrungsgewinnung durch Anbau von Kulturpflanzen und Vermehrung domestizierter Tiere waren so erfolgreich, dass ihre Population schnell anwuchs und sich neue Räume erschließen musste. Mit einer Geschwindigkeit von etwa 1 km / Jahr folgte diese Expansion den fruchtbaren Böden, und überall, wo die neuen Siedler ankamen, begann die Jungsteinzeit, setzte die neolithische Umgestaltung der Landschaft durch den Menschen ein. Bisher ansässige Jagdvölker wurden verdrängt oder teilweise vereinnahmt, auch mit Sklaverei und Frauenraub. Betrachten wir die „Kultivierung“ Amerikas durch europäische Siedler in historischer Zeit, sehen wir von Koexistenz bis Ausrottung alle Facetten einer derartigen Expansion. Wie friedlich oder gewalttätig dieser Prozess vor Jahrtausenden auch ablief, im Ergebnis findet nach Norden hin eine zunehmende genetische Durchmischung der einwandernden Ackerbauern durch Ureinwohner statt. Dominant geblieben sind in den europäischen Populationen jedoch bis heute die damaligen Zuwanderer, unsere wesentlichen Vorfahren.

Gerste, Einkorn, Leindotter und andere frühe Kulturpflanzen entstammen den Hochebenen und Halbsteppen von Vorderasien bis nach Persien, sie benötigen Licht und Luft zum Wachstum. Dafür wurden unsere ursprünglichen Eichen- und Edellaubholzwälder durch Brandrodung aufgelichtet. Die Siedlungen blieben so lange ortsfest und dehnten ihre Freiflächen aus, bis die Bodenfruchtbarkeit aufgebraucht oder das Eichenholz der Gebäude morsch war, dann wurde der Platz aufgegeben und wucherte zu, bis nach Jahrzehnten ein neuer Rodungszyklus einsetzte. Jagd und Fischfang waren in dieser mit Siedlungsmosaiken durchsetzten Waldlandschaft weiter wichtige Ernährungsbausteine der Menschen, zumal jetzt auch Tiere der Halboffenlandschaften wie Reh, Hase, Rebhuhn und Wildgans der Kultur folgten. Mit den Siedlern wanderten auch fast alle Ackerwildkräuter sowie die Mehrzahl unserer heutigen Wiesenpflanzen nach Mitteleuropa ein; manche durch direkten Transport, z. B. mit Saatgut oder an Haustieren, andere folgten auf natürlichen Ausbreitungswegen den lichten, waldfreien Arealen.

Diese oszillierende Wald-Feld-Wirtschaft währte bei uns einige Jahrhunderte, bis vor knapp 4.000 Jahren durch den Einsatz von Metall ein gewaltiger Intensivierungsschub in Gang gesetzt wurde – die Bronzezeit. Ausgelöst durch die Ausbreitung pontischer Steppennomaden (Menschen mit der Blutgruppe A, durch sie kam das Pferd zu uns), hatte der Krieg als „Vater aller Dinge“ in den vorderasiatischen Hochkulturen auf der Suche nach harten Metallen eine Legierung aus Kupfer und Zinn hervorgebracht, die sich auch zur Verbesserung landwirtschaftlicher Geräte eignete. Kultivierte man bisher vor allem leichte Standorte und Lössebenen mit hölzernen Haken, konnten nun auch unsere schweren Moränenböden unter den metallbeschlagenen Pflug genommen werden. Die Bevölkerung wuchs, der Wald ging zurück – ausgehend von Funden alter Kulturhorizonte in heutigen Waldgebieten ist es wahrscheinlich, dass zeitweise mehr als 80 % Nordostdeutschlands gerodet waren. Mit dieser fast völligen Öffnung der Landschaft zur „Kultursteppe“ wanderten erstmals seit der Tundrenzeit auch wieder echte Steppenpflanzen wie Feder- und Pfriemgras nach Mitteleuropa ein, zusammen mit südlichen Florenelementen bilden sie seitdem das Inventar unserer Trockenrasen.

Neue Kulturpflanzen waren Dinkel, Hirse und Bohnen, und wo es noch Wald gab, breitete sich die Buche aus - ob sie sich hier auch ohne Zivilisation durchgesetzt hätte, ist heute strittig.

Die in der Bronzezeit voll entfaltete Kulturlandschaft wurde danach weiter vielfach aufgelassen und wiederbesiedelt, jedoch war der Rahmen, innerhalb dessen die Menschen das Land nutzten, für lange Zeit gesetzt: Bis zum Mittelalter ging man nicht mehr über diese Maximalrodung hinaus. Gründe für die zeitweise Aufgabe von Kulturland waren vielfältig: Abwanderung, Kriege, Seuchen, Missernten, Hungersnöte, Wetterextreme und zunehmend auch Verlust der Bodenfruchtbarkeit durch Erosion. Noch unlängst nahmen wir an, alle wesentlichen Erosionsformen wie Kerbtäler, Hangabschwemmungen und Dünen wären spätglazialen Ursprungs, als das von den Gletschern freigegebene Material dem Wetter ausgesetzt war. Aber seit man Ablagerungen besser datieren kann, werden auch einige mächtige Sedimentschichten den verschiedenen Siedlungsperioden zugeordnet. Zum Verständnis dieser Prozesse überspringen wir hier die Epochen der Eisenzeit, der Völkerwanderung und der slawischen Besiedlung und betrachten die Entwicklung unserer Landschaft seit der Christianisierung:

Ab 1150 n. Chr. drängten deutsche Siedler in die slawischen Stammesgebiete zwischen Elbe und Oder. Westliche Könige, Fürsten und Bischöfe hatten das Land unter ihre Hoheit gebracht; die zum Christentum übergetreten slawischen Herrscher blieben teilweise Lehensmänner, insbesondere in Pommern. Zu Beginn der Invasion waren zwei Drittel der Flächen bewaldet, in der Offenlandschaft praktizierten die Slawen Tierhaltung auf relativ hohem Niveau (Milchvieh, Schafe, Pferde), während sich die Ackernutzung meist auf leichtere Böden beschränkte. Die Bevölkerungsdichte im heutigen Mecklenburg-Vorpommern lag unter 5 EW / km², es gab 3 kleine Städte und einige Handelsplätze.

In den folgenden 100 Jahren wandern mehr als 50.000 Siedler ein, 80 Städte werden gegründet, Rostock zählt mit mehr als 10.000 Einwohnern zu den Großstädten in Deutschland. Der Wald wurde bis auf 15 % gerodet (heute 23 %), aber diese Gehölze verdienten meist nicht mehr, als Wald bezeichnet zu werden; denn Holz war der wichtigste Baustoff und einzige Energieträger, die Nutzung überstieg bei weitem den Zuwachs. Laubstreu wurde als Humus auf die Äcker gefahren, so dass der Boden aushagerte. Damit nicht genug: In die aus wenigen alten Mastbäumen (Eiche, Buche) und viel Stockwuchs bestehenden Flächen wurde Vieh jeder Art getrieben, um sich zu ernähren, und das bedeutete vor allem Verbiss von jungen Trieben = Ausbleiben der Verjüngung.

Durch die Einwanderung war eine letztlich schicksalhafte Spirale der Bodennutzung in Gang gesetzt worden: Siedler kamen aus übervölkerten Gegenden im Westen, erschlossen so viel Neuland, wie sie benötigten; mit guter Ernährung und weiterem Zuzug stieg die Bevölkerung rasch an und machte neue Rodungen erforderlich – ein Prozess, der durch die Herrschenden forciert wurde, da ihre Einnahmen von der Zahl bewirtschafteter Höfe abhingen. Bald waren, innerhalb weniger Jahrzehnte, alle ackerfähigen Flächen erschlossen; die Grenzen des Wachstums wurden mit > 35 Einwohner / km² nicht nur erreicht, sondern überschritten. Denn jede Ernte zehrte mehr Humus, als nachgeliefert werden konnte, die Bodenfruchtbarkeit sank stetig, auf den degradierten Oberflächen wuchs die Erosion durch Wind und Wasser. Missernten konnten nicht mehr kompensiert werden, Hunger und Mangelerkrankungen schwächten in schlechten Jahren die Bevölkerung. Zwei äußere Ereignisse führten schon Mitte des 14. Jahrhunderts zum Kollaps dieses instabilen Systems: Globale Abkühlung und Pest. Seit den 1330-er Jahren brachte die beginnende Klimadepression der „Kleinen Eiszeit“ (bis etwa 1870) längere Winter und mehr Niederschläge nach Mitteleuropa. Dabei kam es vermehrt zu Starkregen, und dieser traf auf weitgehend von schützender Vegetation und Humus entblößte Böden.

Allein der „Jahrtausendregen“ von 1342 löste Abschwemmungen aus, die um ein Mehrfaches höher lagen als die Summe aller Erosionen der abendländischen Kulturlandschaft zuvor und danach. Ganze Hänge wurden abgetragen, bis zu 10 m tiefe Kerbtäler gerissen, Siedlungen überschwemmt – und das nicht lokal begrenzt, sondern flächendeckend zwischen Main und Ostsee. Noch ehe die von Mangel, Krankheiten und Abwanderung geschwächte Bevölkerung sich stabilisieren konnte, kam 1348 die Beulenpest und löschte innerhalb von 3 Jahren etwa 50 % der Menschen aus.

Die Natur erholte sich von der Übernutzung. Viele Felder blieben brach liegen und verbuschten, das Vieh wurde gemeinschaftlich gehütet, die Schäfereien hatten Konjunktur. War Fleisch vor den Katastrophen Mangelware, wurde es nun zur Alltagsnahrung; denn auf den strauchreichen Grasländern breiteten sich jetzt auch Niederwild und Rehe aus. Aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammen vieler unserer heutigen Flureinteilungen, als die überlebenden Güter größer geworden waren und ihre Hofstellen neu besiedelten. Umverlegte Hecken, Triften und Wege führen entlang der Erosionslinien, Heiden und Hutungen liegen auf dorffernen, wüstgefallenen Gemarkungen (jede dritte Siedlung war aufgegeben worden), Wälder wachsen auf hangigen und devastierten Flächen. Die Landnutzung steht nun ökologisch auf einem gesünderenm Fundament, weil keine wesentliche Zuwanderung mehr erfolgt und genügend Reserveflächen vorhanden sind. Bis zum Dreißigjährigen Krieg wächst die Bevölkerung stetig, aber nicht wieder auf das Niveau des 14. Jahrhunderts, zumal Seuchen wie Pest und Cholera periodisch über das Land ziehen. Als 1648 der westfälische Friede verkündet wird, erreicht diese Nachricht die Mehrheit der nordostdeutschen Menschen nicht mehr, weil annähernd zwei Drittel Opfer von Gewalt, Hunger und Krankheiten geworden sind. Die Verrohung unserer Art hatte so extreme Ausmaße angenommen, dass sie im kollektiven Gedächtnis nur verbrämt in Sagen und Märchen von marodierenden Räubern, brutalen Herrschern und menschenfressenden Hexen bewahrt wurde. Und natürlich vom bösen Wolf – eine neue Wildnis hatte sich ausgebreitet. In den folgenden Jahrzehnten wurden Wald und Gebüsche erneut gerodet bis um 1740 die Kulturlandschaft auf Vorkriegsniveau wieder hergestellt war. Die Einteilung der Fluren und Gemarkungen blieb in Mecklenburg weitgehend erhalten, während in Vorpommern zunächst die Schweden und dann die Preußen systematische Aufsiedelung von herrschaftlichem Land unternahmen. Dies betraf zunächst die wüstgefallenen Agrarflächen, ab Mitte des 18. Jahrhunderts aber zunehmend auch Erschließung von Neuland durch Ablassen und Regulieren von Gewässern und Mooren. Um 1800 war die Agrarfläche im heutigen Mecklenburg-Vorpommern fast so groß wie vor der Krise des Spätmittelalters, die Zuwächse kamen jedoch aus der Erschließung von Feuchtflächen, nicht aus der Rodung alter Wälder. Diese konnten auch deshalb geschont werden, weil Holz seine Monopolstellung als Baustoff an den Ziegelstein und als Brennstoff an Kohle und Torf verloren hatte.

Geblieben war der agrarische Nährstoffmangel. Es herrschte die traditionelle Dreifelderwirtschaft aus Wintergetreide, Sommerfrucht und Brache vor. Je ärmer der Boden, desto länger die möglichst beweidete Brachphase. Alle verfügbaren Reststoffe aus Tierhaltung, Siedlung und Gewerbe wurden auf die Äcker gekarrt, dazu weiterhin Waldstreu, Heideplaggen und Teichschlamm, aber das reichte auf Dauer nicht, um die Verluste aus Ernte und Erosion auszugleichen. So wehten erneut Sanddünen auf, abgeplaggte Heiden versauerten zu Borstgrasrasen, auf ausgehagerten Feldern wuchsen Trockenrasenpflanzen, die vom Vieh durchweideten Wälder blieben licht – aus heutiger Naturschutzsicht paradiesische Zustände. Und tatsächlich sind 75 % des Inventars unserer Roten Listen konkurrenzschwache Arten der Offen- und Halboffenlandschaften, also auf ausgehagerte = übernutzte Kultursteppen angewiesen. Für die Biodiversität war diese Kulturlandschaft mit mageren Äckern, vielen Brachen, Sandaufwehungen, verbuschten Heiden und Hudewäldern fast optimal. Wir nennen dieses Phänomen „Mittelmeereffekt“, weil dort in den durch Abholzung und Übernutzung dauerhaft devastierten Gegenden die höchste Vielfalt an Pflanzen und Insekten in Europa zu finden ist. Unter den humiden Verhältnissen unserer gemäßigten Klimazone ist so eine Versteppung umkehrbar, Wälder und Moore würden das künstliche Offenland immer wieder zurückerobern und Humus akkumulieren. Aber in den meisten Regionen der Welt gilt wie am Mittelmeer: Ist die Vegetationsdecke zerstört, wird der fruchtbare Boden abgetragen und kann sich nicht mehr regenerieren, die Landschaft bleibt dauerhaft verödet.

Zwei Neuerungen des 19. Jahrhunderts brachten die Wende bei der Bodenfruchtbarkeit. Zunächst fiel in der verbesserten Dreifelderwirtschaft die Brache zugunsten von Hackfrüchten und Leguminosen weg, dadurch ließen sich Feuchtigkeit halten und Stickstoff akkumulieren. Erstmals wurde also Grünfutter feldmäßig angebaut, das Vieh konnte nun länger aufgestallt bleiben, wodurch mehr Mist produziert wurde. Diese Wirtschaftsweise kann bei optimaler Anwendung die wesentlichen Nährstoffkreisläufe schließen und bildet bis heute eine Basis des ökologischen Landbaus. Das Spektrum der Kulturpflanzen erweiterte sich beträchtlich, und damit auch die Zahl der begleitenden Wildarten, bis deren Vielfalt wegen schwindender Brachen wieder zurückging. Die nächste Innovation sollte noch viel größeren Einfluss auf Nahrungsmittelerzeugung und Biodiversität erlangen, nämlich die Einführung des Kunstdüngers.

Von der Kulturlandschaft zur Energielandschaft

Mit Überwindung des allgemeinen Nährstoffmangels durch Einsatz von Kunstdünger und Zwischenfrüchten veränderte sich seit Ende des 19. Jahrhunderts das Mikroklima auf nordmitteleuropäischen Äckern; die Krume wurde schattiger und damit auch feuchter und kühler (Reichholf 2008). Der Rückgang vieler wärmeliebender Ackerwildkräuter setzte also bereits vor Aufkommen von Herbiziden ein. In die verbesserte Fruchtfolge wurden verstärkt Hackkulturen einbezogen (Kartoffeln, Rüben, Runkeln, Mais; vgl. u. a. Körber-GROHNE 1987), welche eine Vielzahl von einjährigen Kräutern begünstigten, so dass die Artenzahl insgesamt zunächst anstieg. Gleichzeitig schwanden neben den thermophilen Sippen jedoch auch die mehrjährigen und bracheliebenden, da die Wechselbrachen als letzte Elemente der Dreifelderwirtschaft um 1900 endgültig wegfielen.

Ab 1920 wurde die Anwendung von Kalkstickstoff (Cyanamid) und Kalirohsalz (Kainit) als Dünger mit herbizider Wirkung gebräuchlich, der breite Einsatz speziellerer Biozide erfolgte in Nordostdeutschland erst nach 1960. Seit den 1930er Jahren und nach dem Krieg ab 1955 verwendete man zunehmend gehandeltes Saatgut, das industriell gereinigt war; auch bei hofeigenem Nachbau kamen ab 1920 immer mehr Wind- und Siebreinigungsanlagen zum Einsatz (oft in Dienstleistung). Je nach Aufbereitungsstufe wurden zunächst alle dem Saatkorn unähnlichen Diasporen entfernt (Größe, Gewicht), mit verbesserten Verfahren dann auch kornähnliche wie Kornrade (Agrostemma githago), Roggen-Trespe (Bromus secalinus) und Knollen-Platterbse (Lathyrus tuberosus) (vgl. Bonn & Poschlod 1998).

Mit Auflösung der kleinbäuerlichen Wirtschaftsweise im Zuge der Kollektivierung setzten ab 1960 dramatische Veränderungen des Ackerbaus ein: Die Feldflur wurde zugunsten großer Schläge ausgeräumt. Der Boden sollte immer unabhängiger von seiner natürlichen Fruchtbarkeit als Produktionsoberfläche benutzt werden. Viele der heute gefährdeten Ackerwildkräuter verloren in zwei Jahrzehnten bis 1980 mehr als 90 % ihrer Standorte durch

- endgültige Trennung von Acker und Grünland (Ende der Stoppelbeweidung),

- tiefe Bodenbearbeitung mit immer stärkeren Maschinen,

- flächendeckende Hydromelioration (Beseitigung von Kleinmooren und Feuchtstellen),

- flächendeckenden Mähdrusch (Ende der Feldtrocknung in Garben),

- Wegfall kleinräumiger Nutzungen,

- Wegfall von Sonderkulturen (vor allem Lein),

- Ende des permanenten Roggenanbaus auf armen Standorten,

- starke Chemisierung bei Düngung und „Pflanzenschutz“ (Ertragssteigerung durch höheren Input); (vgl. insbes. Voigtländer 1970, Kausmann et al. 1975-1978, Hilbig 1987 und Voigtländer et al. 2001).

Im Zeitalter der industriellen Landwirtschaft wurde die Kunstdüngung zu einer Hauptquelle der Landschaftseutrophierung: Überschüssige Nährstoffe gelangen - ebenso wie Pestizide - permanent über Oberflächen- und Grundwasser in alle tiefliegenden Ökosysteme. Auch die ehemals für Ackerwildkräuter so wichtigen Feldraine, Säume und Wegränder sind größtenteils überdüngt und werden von nitrophilen sowie heribizidfesten Allerweltspflanzen beherrscht (z. B. Große Brennnessel Urtica dioica, Taube Trespe Bromus sterilis, „Melde“ = Weißer Gänsefuß Chenopodium album, Klett-Labkraut Galium aparine, Zwerg-Storchschnabel Geranium pusillum). Neben diesem allgemeinen Mangel an lichten, warmen, spritzfreien Standorten erschweren zunehmend auch neue Fruchtfolgen und Anbauverfahren die Existenz traditioneller Wildkräuter.

Nach 1990 waren zunächst gegensätzliche Entwicklungen zu verzeichnen: Gezielte Brachen auf ertragsarmen Standorten und Extensivierung für den ökologischen Landbau führten zur Stabilisierung der Ackerwildkräuter auf peripheren Flächen (2003 ca. 7 % des Ackers in M-V), während die Gunststandorte weiter intensiviert wurden. Kennzeichnend für den neuen Technologieschub sind

- Einsatz hochwirksamer Herbizide,

- starker Rückgang der Festmistwirtschaft zugunsten von Gülle und Mineraldünger,

- Zunahme pflugloser Bestelltechniken (mit hohem Herbizideinsatz),

- schneller Stoppelsturz nach Ernte, weitere Vorverlegung der Bestelltermine,

- weitgehender Wegfall des Kartoffelanbaus, Verringerung des Rübenanbaus, Verengung der Fruchtfolge auf Wintergetreide und Raps,

- Zunahme des Maisanbaus (Fütterung der Hochleistungsrinder vom Acker).

Nach Wegfall der Stilllegungspflicht 2005 befindet sich gegenwärtig nur 1 % des Ackers in Brache (Abmulchen ohne Nutzung), weitere 3,5 % werden in M-V ökologisch bewirtschaftet - d. h. nur auf 4,5 % (48.500 ha) der Felder könnte Artenvielfalt überhaupt gehalten werden; Tendenz abnehmend, da die letzten Stilllegungen umgebrochen werden und der ökologische Feldbau auf dem Rückzug ist (nicht konkurrenzfähig am Flächenmarkt).

Der Maisanbau zur Versorgung von Biogasanlagen hat sprunghaft zugenommen auf 155.400 ha in 2011 (= 14,5 % Ackerfläche M-V), etwa die Hälfte davon wird mehrjährig auf gleicher Fläche bestellt (Dauermais). Weitere 3,5 % des Ackers sind mit Feldgras zur Grünernte angesät, etwas mehr als alle Hackfrüchte zusammen. Aktuell entfallen 52,5 % des Anbaus auf Getreide (inkl. Körnermasis), dabei weniger als 6 % auf Roggen (63.800 ha); Raps nimmt mit 212.100 ha fast 20 % aller Flächen ein. Zunehmend wird Wintergetreide als Grünmasse genutzt, um die steigenden Biogaskapazitäten zu versorgen; insgesamt wurden 2011 ca. 19 % des Ackers in M-V grün beerntet (Mais, Gras und Getreide als Feldfutter + Energiepflanzen; alle Zahlen Statistisches Amt Mecklenburg-Vorpommern 2011/12).